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Was wir vom scheinbar respektlosen Verhalten unserer Kinder lernen können

Erwachsene finden das Verhalten von Kindern häufig ziemlich respektlos.

Das Verhalten ihrer eigenen Kinder oder auch das Verhalten fremder Kinder. 

Ja, es sind tatsächlich auch manchmal meine eigenen Kinder, die als respektlos empfunden werden. Vor allem meine Tochter, die ein sehr guter Spiegel ist.

Sie äussert sich “respektlos”, wenn sie sich selbst respektlos behandelt fühlt.

Na gut, das sehe ICH so. Das jeweilige erwachsene Gegenüber meiner Kinder sieht es tatsächlich meist etwas anders. Denn hier wird in aller Regel nicht das eigene Verhalten, sondern ausschließlich das kindliche Verhalten reflektiert.

Respektloses Verhalten – auf welcher Seite eigentlich?

Das Verhalten von Kindern, die auf das Verhalten Erwachsener nicht mit Kooperation, sondern mit deutlicher Missbilligung und Ablehnung reagieren, wird häufig als respektlos gewertet.

Wie aber wird eigentlich das Verhalten von Erwachsenen in solchen Situationen gewertet? Wenn ein Kind sich “respektlos” äussert, wie hat sich eigentlich sein erwachsenes Gegenüber zuvor verhalten? Gleichwürdig? Respektvoll?

Ganz sicher? Hast Du mal darüber nachgedacht?

Oder war da vielleicht nicht doch der Versuch einer Machtausübung im Spiel? Nicht gleichwürdiges, aufgrund des Alters diskriminierendes Verhalten?

Wie ich es wagen kann, das zu vermuten?

Nun, ich erlebe es so gut wie jeden Tag. Bei anderen Familien und ja – natürlich auch bei mir.

Meine Tochter ist ein prima Trainingspartner in Sachen “Wie übe ich respektvolles Verhalten”. Denn aufgrund dessen, dass unsere Kinder abhängig von uns sind, verfallen wir immer mal wieder in den Versuch Macht auszuüben – und Machtausübung ist diskriminierend.

Finde ich.

Ja, auch gegenüber kleinen Menschen. Der Druck durch Macht ist oft doch nur ein Zeichen unserer eigenen Hilflosigkeit oder der Prägungen unserer eigenen Erziehung.

Gleichwürdig in Beziehung treten anstatt in Machtposition gehen 

Ich bin durch meine sehr feinfühlige Tochter extrem aufmerksam dafür geworden Kindern mit Respekt zu begegnen. Keine Macht auszuüben, in eine gleichwürdige Beziehung zu treten. Schlicht: nicht aufgrund des Alters zu diskriminieren.

Denn: passiert es mir doch und ich bin dabei mein Kind nicht gleichwürdig zu behandeln oder gar zu versuchen eine Machtposition einzunehmen, erfahre ich das zu 100 Prozent innerhalb der nächsten Sekunden. Und zwar so deutlich, dass es nicht zu übersehen ist.

Für mich.

Für viele andere Menschen ist die Abwehr meiner Tochter eine “Respektlosigkeit”. Das sehe ich an den Blicken und Reaktionen. Mit Abwehr meine ich ein klares “NEIN” – manchmal auch ein Gesicht-verziehen, ein sich-umdrehen, ein wütender Schrei, Brüllen, ein aus-der-Situation-gehen.

Und das tatsächlich ausschließlich in Situationen, in welchen sie ihrer Ansicht nach nicht gleichwürdig behandelt wurde. Wenn das erwachsene Gegenüber forsch spricht, kommandiert, befiehlt, das Gesicht verzieht, schreit, brüllt, unfair ist, etc. – schlicht: in ihren Augen keinen Respekt zeigt.

Gesellschaftlich ist es akzeptiert, dass Erwachsene sich Kindern gegenüber auf diese Weise verhalten. Andersrum nicht.

Was ich damit nun sagen möchte:

Es gibt Kinder, die akzeptieren scheinbar völlig unser diskriminierendes Verhalten ihnen gegenüber. Zumindest akzeptieren sie es im Moment. Nichtsdestotrotz fühlen sie sich nicht gesehen, verletzt, unfair behandelt, gedemütigt. Kleine wie auch große Menschen ertragen Verletzungen und Demütigungen nur bis zu einem gewissen Grad. Der Druck, der sich aufbaut, muss abgelassen werden – das äussert sich je nach Alter meiner Erfahrung nach in psychischen oder körperlichen Symptomen.

Und es gibt Kinder, die akzeptieren dieses (Fehl-)verhalten eben nicht – niemals und in keiner Situation. Sie reagieren umgehend. Scheinbar respektlose Kinder zeigen dem Gegenüber oft schlicht auf, dass der Umgang so in keinster Weise in Ordnung für sie ist. Sie zeigen in absolut gesunder Art und Weise, dass sie sich nicht gut fühlen mit diesem Umgang.

Sie zeigen offen, dass sie sich eine gleichwürdige Beziehung wünschen.

Erwachsene dürfen contra geben und sich verbitten respektlos behandelt zu werden und kleine Menschen dürfen das nicht?

Ich finde schon!!

Selbstreflektion anstatt Machtausübung 

Ja, das immer auf die Nase gebunden zu bekommen ist manchmal verdammt hart! Ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen!

Aber hey, das heißt nicht, dass mein Kind mir deshalb auf der Nase herumtanzt. Das heißt, dass sie absolut und unbedingt respektvolles Verhalten von mir einfordert: und dass heißt, dass ich sie als gleichberechtigten, gleichwertigen Menschen ansehe und mit ihr in eine gleichwürdige Beziehung trete.

OBWOHL sie noch viel jünger ist als ich. Oder vielleicht sogar GENAU DESHALB.

Denn das ist es doch, was wir so oft vergessen: Kinder sind zwar jünger, aber nicht nur Kinder lernen von uns, auch wir lernen von ihnen. Wir können so verdammt vieles von ihnen lernen – wenn wir es nur zulassen.

Zum Beispiel, dass wir auch wirklich mal von unserem Recht Gebrauch machen können, zu sagen, wenn es uns nicht gut geht. Wenn wir uns mies, respektlos oder unfair behandelt fühlen, wenn wir verletzt wurden. Theoretisch dürften wir das ja, aber praktisch halten wir unsere Gefühle doch viel zu oft zurück.

Kinder zeigen uns ihre Emotionen noch – bis wir versuchen, ihnen genau das abzusprechen.

Unsere Kinder werden nicht stärker durch unsere Härte, unsere Machtausübung, unsere Demütigungen. Sie werden gefestigt durch eine gleichwürdige Beziehung und ein Fundament aus bedingungsloser Liebe.

Es sollte aber meiner Meinung nach gar nicht das Ziel sein unsere Kinder “stark” zu machen. Das werden sie von ganz alleine, wenn wir in eine gleichwürdige Beziehung mit ihnen treten. Sie haben es – genauso wie wir – verdient respektvoll und gleichwürdig behandelt zu werden.

Ich plädiere schlicht dafür, dass unsere Kinder ihre ehrlichen Gefühle ausdrücken dürfen. Und wenn sie dies in scheinbar respektlosem Verhalten tun, öfters mal zu reflektieren, auf welche Art und Weise wir uns kurz zuvor dem Kind gegenüber verhalten haben.

Und ich weiß, dass sowohl unsere Kinder als auch wir enorm daran wachsen werden.

Wie siehst Du das? Schreib mir gerne, ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Herzlichst,

Sabine

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18 comments

  1. Ole says:

    Hallo,
    Ich komme gerade von einem Seminar. Da geht es um gewaltfreie Kommunikation. Der Hammer! Meine Frau hat mir diesen Link geschickt und er passt da voll rein. Kinder haben Bedürfnisse und drücken diese spontan und nicht immer wie wir erwarten aus. Das wichtigste meiner Meinung nach ist mit dem Kind eine Verbindung einzugehen. Das geht nur über Bedürfnisse und Gefühle.

  2. Manuela says:

    Liebe Sabine!
    Ich bin absolut deiner Meinung, und auch unsere Kinder (3 und 6) spiegeln unser Verhalten. Vor allem die Tochter (6) zeigt sehr deutlich, wenn sie respektlos behandelt wurde. Leider erkennt das kaum jemand, was dann zu weiteren Abwertungen des Kindes führt. So bildet sich schnell eine Abwärtsspirale die sehr viel destruktives Verhalten (beiderseits) mit sich bringt. Immer wieder großes Thema bei uns, und eine schmerzhafte Erfahrung für mich, wenn ich es nicht ändern kann.
    LG Manuela

    • Sabine says:

      Liebe Manuela,
      danke für`s Schildern Eurer Situation. Du schreibst, dass Du es nicht ändern kannst. Ich kenne die Hintergründe der entsprechenden Situationen zu wenig, finde aber toll, dass Du bereits weißt, weshalb Deine Kinder auf diese Art und Weise reagieren.

      Die meisten Menschen sind selbst erzogen worden und durch die gesellschaftlichen Vorstellungen von Erziehung geprägt. Das ist ganz natürlich und ich finde, man darf darauf auch hinweisen und sogar auf Möglichkeiten zur Verbesserung der Kommunikation hinweisen. Meist kommt es ja nur auf kleine Nuancen z.B. unseres Tonfalls an.
      Und wenn das nicht möglich ist, wie z.B. im Kindergarten, wo oft “dieselben Regeln für alle gelten” und vieles “schon immer so gemacht wurde”, können wir versuchen, das Kind nach der Situation aufzufangen und offen mit ihm darüber zu sprechen, warum so viele Menschen mit Kindern keinen gleichwürdigen Umgang pflegen (Stichwort eigene Erziehung etc.).

      Ich wünsche Dir, dass Du das Thema für Euch lösen kannst.

      Herzliche Grüsse
      Sabine

  3. Nadja says:

    Toller Artikel!
    Für mich ist es schwierig, die Grenzen zu ziehen zwischen “Kind darf gleichberechtigt mit mir entscheiden” und “Kind macht immer, was es will”.
    Ersteres praktiziere ich im Alltag und bin glücklich damit, Kind auch (4 Jahre alt). Letzteres empfinden alle anderen (mein Mann, die Großeltern) und teilen mir deutlich mit, dass das Kind ja verwöhnt sei und nie gehorchen müsse. Sie gehen teilweise respektlos mit dem Kind um, merken es aber nicht (Kinder müssen sich ja “unterordnen”, müssen brav und gehorsam sein…..).

    Puh…..und leider ist es so, dass mein Kind bei mir sehr wohl kooperationsbereit ist, bei den Großeltern aber irgendwie selten und so sehen sie meistens nur das “bockige, verwöhnte Kind”…….

    Also ein spannendes Thema……Wenn jemand nen Tipp dazu für mich hat, gerne her damit 🙂

    • Sabine says:

      Liebe Nadja,
      danke für`s Teilen Deiner Erfahrungen. Wie Du sicherlich selbst vermutest, reagiert Dein Kind auf das diskriminierende Verhalten der entsprechenden Menschen – und Dir gegenüber zeigt es sich kooperationsbereit, da Du sein Bedürfnis nach gleichwürdigem Umgang achtest.
      Einen anderen Standpunkt – gerade innerhalb der eigenen Familie – zu vertreten ist nicht leicht – bzw. überhaupt erst mal den Mut aufzubringen diesen zu erläutern 😉 Ich habe diese Erfahrung auch machen dürfen.

      Gerade gegenüber unseren eigenen Eltern ist das Vertreten eines anderen Standpunkts in Bezug auf Erziehung nicht einfach – aufgrund unserer Prägungen durch unsere eigene Erziehung. Und wenn es sich um andere Familienteile, wie die Schwiegereltern oder Deinen Mann handelt, so sind auch sie vermutlich erzogen worden und/oder durch gesellschaftliche Denkweisen geprägt worden. Es ist auch für sie nicht einfach sich davon zu lösen.
      Einen guten Ansatz finde ich hier, ganz offen zu sagen, dass mein Kind sich einen respektvollen Umgang wünscht und ich diese Meinung auch vertrete.

      Ich weiß, dass es schwierig ist und ich hatte auch einige Zeit gebraucht, um mein Kind diesbezüglich zu “verteidigen” – und eben nicht zu sagen, dass es empfindlich ist. Sondern dass es sehr stark ist und durch ihr Verhalten mitteilt, dass sie sich eine andere Basis wünscht.

      Herzliche Grüsse
      Sabine

  4. Cordula Buckel says:

    Ich hinterfrage sehr viel im Umgang mit meinen Kindern und oft verstehe ich auch, warum sich gerade der Große jetzt so oder so reagiert hat.
    Aber was ich schlichtweg nicht verstehe, daß IMMER ich ‘schuld’ sein soll, wenn er heftig reagiert.
    Wenn er mir zum Beispiel unabsichtlich wehtut und ich einfach Au rufe,weil es mir weh tut, ist er dann beleidigt.
    Wie soll ich das deuten?

    • Sabine says:

      Hallo Cordula,
      da sprichst Du einen wichtigen Punkt an: mir geht es nicht um Schuld. Mir geht es um Selbstreflektion. Wir alle sind natürlicherweise stark geprägt von unserer eigenen Erziehung, daher ist sehr schwierig hier von Deiner eigenen Schuld in Bezug auf Dein Verhalten zu Deinen Kindern zu sprechen. Ich finde, wir sollten uns nicht die Schuld am Verhalten unserer Kinder geben, aber auch nicht nur das Verhalten der Kinder betrachten.
      Bei Deinem Beispiel wäre interessant zu wissen, wie alt Dein Sohn ist – aber wie ich aus Deinen Zeilen herauslese, vermute ich, dass Dein Sohn durch das laut ausgerufene “Au” vermutet, dass du denkst er hätte es absichtlich getan. Seine Reaktion hat eine Ursache – das “Au” ist vermutlich ein Reflex. Ist bei mir auch so – ich kenne genau diese Situation von meiner Tochter 😉 Vielleicht magst Du mal versuchen, nach dem Ausruf des “Au” einfach kurz und liebevoll mitzuteilen, dass alles ok ist, Du erschrocken bist/es Dir wehgetan hat und Du weißt, dass er es nicht absichtlich getan hat. Ich vermute, dass er – genau wie mein Kind – in den Ausruf ein “Au- kannst Du nicht aufpassen ?!” hineininterpretiert. So wie ich selbst es zuvor tatsächlich ein paar Mal gesagt hatte. Was natürlich bei einem versehentlich zugefügten Schmerz nicht gerechtfertigt war.
      Vielleicht ist das bei Euch ja auch so…
      Viele Grüsse
      Sabine

  5. Sascha says:

    Danke Sabine, das tut gut das zu lesen. Hatte vorher Grad wieder ne doofe Situation, wo ich meine Tochter zum Hände waschen gezwungen habe. Und später hab ich mich gefragt, ob das denn wirklich so wichtig war und komme zu einem klaren nein. Aber leider habe ich halt in meiner eigenen Kindheit sehr viel Zwang und enge erfahren. Das kann ich wohl nur mit kleinen Schritten loslassen.
    Lg Sascha

    • Sabine says:

      Liebe Sascha,
      ja wir sind geprägt von unserer eigenen Erziehung und den Werten und Normen unserer Gesellschaft. Sich allein das bewusst zu machen, ist schon so viel wert, finde ich. Und oft scheint es richtig schwer sich davon lösen zu können, um einen anderen Weg einzuschlagen. Aber kleine Schritte voran SIND Schritte, die Dich in eine für Dich stimmige Richtung führen. Du hinterfrägst Dein Verhalten Deiner Tochter gegenüber und genau das finde ich wichtig für Deinen Weg.

      Viele liebe Grüsse
      Sabine

  6. Maria says:

    Hey 🙂
    So toll geschrieben!
    Ich versuche grad wieder zu lernen meine Gefühle zu fühlen und meinem Kind auch Gefühle fühlen zu lassen, egal ob Wut, Scham, Eifersucht, was auch immer…es ist wirklich schwierig, schmerzhaft und so oft mach ich dann einfach wieder einen Schritt zurück, aber es ist auch so heilsam und echt, dass es sich allemal lohnt, da durchzugehen!
    Danke für Deine Worte <3

    • Sabine says:

      Hey Maria 🙂

      Danke für Deine Worte. Oh ja, ich kann Dir sehr nachfühlen! Es ist oft schmerzhaft, aber auch sehr sehr heilsam. Weil Du durch die Selbstreflektion so vieles über Dich selbst lernst. Und auch wenn es mal einen Schritt nach hinten geht, so wird es beim nächsten oder übernächsten Anlauf wieder ein paar Schritte nach vorne gehen. Der Weg scheint oft der härtere, aber das ist er nicht – denn, wie Du selbst ja schon sagst, lohnt es sich total ihn zu begehen! 🙂

      Alles Gute für Dich und liebe Grüsse
      Sabine

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