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Problem Familienbett? Warum es ganz natürlich und sinnvoll ist, dass Dein Kind bei Dir schlafen will

Das Schlafverhalten von Kindern wird hauptsächlich in unserer westlichen Gesellschaft thematisiert. Kaum ist das Baby geboren, werden wir von vertrauten wie auch völlig fremden Menschen zum Thema Schlaf befragt.

Du kennst die Fragen alle: Die gängigsten Varianten sind wohl die nach dem Durchschlafen und dem Zeitpunkt des Auszuges aus dem Elternschlafzimmer. Über den Mythos des Durchschlafens und Schlaflernprogramme habe ich hier ausführlich geschrieben.

Es scheint jedenfalls in unserer Kultur enorm wichtig zu sein, dass Kinder nachts im eigenen Bett schlafen.

Warum genau ist es eigentlich in unserer Gesellschaft völlig üblich, dass Kinder nicht bei ihren Eltern im Bett schlafen?

Warum werden kleine Kinder zum Schlafen in ein extra Zimmer geschickt, die Eltern aber schlafen gemeinsam in einem Bett?

Es gibt hierfür gängige Aussagen, die immer wieder getroffen werden. Ich möchte diese Aussagen auch in Hinblick auf unsere Prägungen durch die Werte und Normen der westlichen Gesellschaft beleuchten.

Vorab sei gesagt:

Keine Gefahr mehr durch getrennte Schlafplätze

Durch die Industrialisierung ist das Leben unserer Kinder bei getrennten Schlafplätzen nicht mehr in Gefahr. Die nächtliche körperliche Nähe war früher eine wichtige Schutzfunktion, ohne die die Säuglinge kaum überlebt hätten.

Allein diese Voraussetzung schafft uns die Möglichkeit unsere Kinder nachts nicht mehr bei uns schlafen zu lassen.

Weitere kulturelle Gründe waren z.B. die Hygienewelle, das durch die Vergrößerung der Zimmeranzahl neu erwachte Verlangen der Eltern nach Intimität, die Erkenntnisse von Psychologen und Psychoanalytikern sowie gesellschaftlich stark verbreitete Erziehungsideale.

Unser Denken in Bezug auf das kindliche Schlafverhalten bezieht sich größtenteils auf Prägungen durch unsere eigene Erziehung und die Werte und Normen der westlichen Gesellschaft. Unser Instinkt wird unter den Wertvorstellungen unserer Gesellschaft oft vergraben.

Die westlichen Industriekulturen haben sich schnell verändert, der kindliche Instinkt jedoch nicht – und das ist auch gut so. Genau das schafft aber eine Diskrepanz zwischen dem Wunsch unserer Kinder bei uns zu schlafen und unseren -historisch betrachtet- neuen Bedürfnissen.

Lass uns doch mal ein Bewusstsein dafür schaffen, dass DEINE Vorstellungen vom Schlafverhalten Deines Kindes manchmal vielleicht eher die Vorstellungen sind, die Dir die Gesellschaft unterbewusst auferlegt hat.

Vielleicht verleiht Dir dieses Bewusstsein einen ganz neuen Blickwinkel auf Deine Vorstellungen in Bezug auf den Kinderschlaf – lass Dich mal darauf ein:

 

“Ich möchte, dass mein Kind selbstständig wird”:

Das Thema Selbstständigkeit. Ein gesellschaftlich scheinbar sehr wichtiges Thema. Kinder sollen lernen möglichst früh selbstständig zu werden, damit sie ihr Leben selbstständig meistern können. Alles andere wäre nur Verwöhnung und würde unsere Kinder zu sehr an uns Eltern binden.

Einerseits soll Nähe für eine gute Bindung wichtig sein, andererseits wird zu viel Nähe als psychologisch ungesund angesehen.

Einerseits halten wir Wärme, Liebe und Unterstützung für wertvoll und wichtig, aber gleichzeitig ist es uns wichtig die Selbstständigkeit unserer Kinder zu fördern – und sie nicht zu verwöhnen.

Warum denkt ein Großteil unserer Gesellschaft eigentlich so? Woher kommt dieser Drang zur möglichst frühen Selbstständigkeit von Kindern? Woher diese Sorge vor dem Verwöhnen? Hier habe ich bereits einiges dazu geschrieben.

Unsere Gesellschaft wurde viele Jahrzehnte lang durch harte Erziehungsmethoden dahingehend geprägt, dass unsere Kinder nicht “verzärtelt” und zu sehr verwöhnt werden sollen. Denn das würde sie von den Eltern abhängig und unselbstständig machen.

Und diese Prägungen sind bis heute deutlich spürbar. Uns wird sowohl von vielen Menschen in unserem Umfeld als auch einigen Erziehungsratgebern dazu geraten, unsere Kinder nicht zu verwöhnen, sie schreien zu lassen, sie zur frühen Selbstständigkeit zu erziehen.

Da fällt es vielen von uns schwer, auf sich selbst und seine eigenen Wünsche und Instinkte zu hören.

 

Denn sehen wir es doch jetzt mal von der anderen Seite: Ein Kind, das von klein auf geborgen und in Erfüllung seiner nächtlichen Bedürfnisse nach Nähe und Schutz aufwächst, erfährt ein Fundament der Sicherheit. Es kann auf diesem Fundament seine eigenen Erfahrungen und sein natürliches Streben nach Eigenständigkeit in seinem eigenen Tempo aufbauen.

Nicht erfüllte Bedürfnisse führen oftmals augenscheinlich zu Selbstständigkeit, diese Selbstständigkeit wird jedoch meistens mit der Anpassungsbereitschaft der Kinder an den Willen der Eltern verwechselt. Auf Dauer führen erfüllte Bedürfnisse eher zur Selbstständigkeit als nicht erfüllte Bedürfnisse.

Liebe und Geborgenheit sind ein größerer Garant für Selbstständigkeit als Druck und Trennung.

Ausserdem: Verschiedenste Studien sehen keinen Hinweis darauf, dass die Fähigkeit allein einzuschlafen einem Kind zu mehr sozialer Kompetenz oder psychologischer Unabhängigkeit verhilft. Im Gegenteil, viele Studien weisen sogar darauf hin, dass sowohl eine sicherere Bindung besteht bei Kindern, die bei ihren Eltern schlafen – als auch das Selbstwertgefühl ein höheres ist.[1] 

Oder wie Herbert Renz-Polster so schön sagt:

Selbstständige Schläfer sind selbstständige Schläfer –

und dadurch nicht unbedingt selbstständige Menschen

Und ich möchte noch auf einen anderen Aspekt hinweisen: Welche Gedanken kommen uns beim Anblick einer Säugetiermutter, die ihre Jungen alleine schlafen lässt? Wenn diese Tiermutter ihr Kleines aus ihrem kuscheligen Nest verstößt? Uns würden die Tierbabys vermutlich richtig leid tun und wir könnten nur schwer verstehen, warum die Tiermutter ein solches Verhalten an den Tag legt.

Und wenn wir unsere Babys nachts von uns fern halten: worin liegt da der Unterschied? Wie viele Menschen kennst Du, die irgendwann zugeben, dass sie ihren Vierbeiner bei sich im Bett schlafen lassen? Ich kenne tatsächlich einige.

Wir lassen in unserer Gesellschaft Tiere bei uns schlafen, aber unsere eigenen Kinder nicht?

 

“Ich bring mein Kind sonst nie aus unserem Bett”:

Hier geht es um die große Angst vieler Eltern, dass ihre Kinder bis in alle Ewigkeit bei ihnen im Bett nächtigen. Bis in alle Ewigkeit? Klingt eigentlich total absurd, oder? Aber durch Einwirkungen und ständige Nachfragen von Aussen ist die Verunsicherung diesbezüglich tatsächlich oft groß.

Lass uns mal über das Kleinkindalter hinausdenken: spätestens mit Beginn der Pubertät und dem Beginn des Interesses an einem Partner wird der Nachwuchs sich nicht mal mehr ansatzweise für das Elternbett interessieren. Kinder werden definitiv nicht ewig im Elternbett nächtigen wollen.

Bei dem genannten Argument geht es meiner Erfahrung nach oft nicht wirklich um die Sorge, die Kinder nie aus dem Elternbett zu bekommen, sondern eher darum, dass Eltern einfach auch mal ihre Ruhe brauchen:

 

“Ich brauche einfach mal Zeit und Raum für mich”

Völlig verständlich. Das Leben mit kleinen Kindern ist oft wahnsinnig anstrengend. Der Tag war anstrengend, wir haben unser Kind gefühlt 12 Stunden eng bei uns am Körper gehabt, wir sind einfach fertig. Ja, solche Tage gibt es, und das nicht mal allzu selten.

Der Gedanke liegt nahe, dass man als Eltern wenigstens nachts seine wohlverdiente Ruhe oder zumindest einfach mal Raum für sich hat. Die Frage stellt sich, ob das mit einem extra Bett für`s Kind getan ist. Meiner Erfahrung nach nicht. Ich selbst habe diese Erfahrung nicht gemacht, aber ich kenne sie aus meinen Beratungen.

Ist das Kind in einem extra Bett in einem extra Zimmer, ist das kein Garant für ruhige Nächte. Im Gegenteil, Kinder schlafen in der Regel nur phasenweise durch, haben nachts im Dunkeln Angst, haben Alpträume, haben Hunger oder Durst, vermissen ihr Kuscheltier oder noch viel mehr die Eltern. Also steht ein Elternteil auf oder das Kind kommt ins Elternbett getapst.

Beides ist dabei in der Regel mit einem unguten Gefühl behaftet. Für die Eltern ist es anstrengend aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden, aufzustehen und herumwandern zu müssen und Kinder bekommen suggeriert, dass sie beim Folgen ihrer natürlichen Instinkte nicht richtig sind.

Für mich war es immer einfacher, praktischer und ruhiger, meine Kinder bei mir zu haben – durch das Stillen hatten sich unsere Schlafzyklen angepasst, ich wurde selten aus dem Tiefschlaf gerissen und konnte beim leisesten Maunz umgehend reagieren. Durch das umgehende Erfüllen der nächtlichen Bedürfnisse können so die Schlaf-Unterbrechungen viel kürzer und angenehmer ausfallen.

Zeit und Raum für sich als Elternteil – die Suche nach bestmöglichen Lösungsmöglichkeiten dafür kann noch so viel mehr als das Familienbett umfassen. Zum Beispiel die Suche nach Unterstützung von Aussen, beispielsweise durch die Familie, Freunde, vertraute Menschen, Gleichgesinnte, die einem für einige Zeit diesen Freiraum verschaffen – und sei es in der Säuglingszeit nur eine ungestörte Stunde für ein heißes Bad oder einen Spaziergang.

 

 “Das Familienbett ist gefährlich wegen dem Plötzlichen Kindstod”

Die derzeitigen offiziellen Empfehlungen zum Babyschlafplatz raten zu einem eigenen Bett im Elternschlafzimmer. Die Angst vor dem Plötzlichen Kindstod hängt oft wie ein Damokleschwert über dem ersten Lebensjahr und das Familienbett wird aus diesem Grund vermieden.

Ich möchte an diesem Punkt auf einen sehr ausführlichen und lesenswerten Artikel von Herbert Renz-Polster verweisen, in welchem er sich mit den neuesten Studien zu genau diesem Thema intensiv auseinandersetzt

 

“Wie und wann soll ich jemals wieder Sex haben?”:

Ja, dieses Thema wird sogar sehr oft angeführt – und nein, nicht nur von Männern. Daher soll es hier auch seinen Raum finden. Die Sorge davor, die nächsten Jahre keinen Sex haben zu können. Da die Kinder ja das Familienbett in absehbarer Zeit nicht verlassen werden.

Wie war das denn eigentlich früher? Früher, als eine Familie noch keine Wohnung mit mindestens 3 Räumen zu Verfügung hatte? Tatsache ist, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass eine gesamte Großfamilie in einem einzigen Raum im Haus nächtigte.

Aber ganz abgesehen davon wie es früher war: heutzutage leben wir größtenteils in Wohnungen oder Häusern mit vielen Zimmern. In einem dieser Zimmer wird sich sicherlich ein kleines gemütliches Eck für eine Couch oder Matratze finden, wo man sich zu zweit gemütlich einkuscheln kann – wenn man nicht eh viel zu fertig dafür ist mit kleinen Kindern.

 

 “Wir schlafen alle viel zu unruhig im Familienbett”:

Oftmals wird mir von Eltern gesagt, dass Kinder sich im Elternbett ständig im Schlaf herumdrehen, um sich schlagen, im Bett herumwuseln und dadurch die Nächte für alle Beteiligten – allen voran die Eltern – ziemlich unruhig sind. Hier sind Lösungsmöglichkeiten gefragt.

Je nach Familienkonstellation gibt es natürlich große Unterschiede. Ist wirklich die einzigste Möglichkeit das Kind auszuquartieren? Oder kann vielleicht auch mal die Mama oder der Papa zeitweise in einem anderen Bett oder einem anderen Zimmer schlafen? Mir wurde von so vielen unterschiedlichen Vorgehensweisen berichtet – alles ist möglich, es sollte einfach an die derzeitige Familiensituation angepasst werden, damit idealerweise jedes Familienmitglied auch nachts zufrieden und sicher schlafen kann.

Dabei ist nichts in Stein gemeiselt und kann jederzeit verändert werden. Kreativität ist gefragt.

Dabei sollte meiner Meinung nach eines bedacht werden:

 

Bewusstwerdung und Abschätzung unserer Bedürfnisse und der Bedürfnisse des Kindes

Schlafen WIR gerne alleine? Warum genau schlafen WIR eigentlich bei unserem Partner und nicht alleine im Bett?

Warum wollen wir dann eigentlich, dass unser Kind in einem anderen Zimmer schläft?

Kinder brauchen im Vergleich zu unserer durchschnittlichen Lebenslänge eine relativ kurze Zeitspanne die große Sicherheit überleben zu können – wir können ihnen diese Sicherheit geben.

Auch und gerade nachts.

Und ich finde, wir sollten darüber nachdenken, was das denn genau für “Abstriche” wären, wenn wir für die Dauer einiger Wochen oder Monate Änderungen an unserem Schlafort vornehmen und zum Beispiel selbst aus dem Elternbett ausziehen. Denn:

Vielleicht sind diese “Abstriche” im Nachhinhein gar keine, sondern ein unvorhergesehene Vorteile für alle Beteiligten z.B. in Bezug auf das Sicherheitsbedürfnis des Kindes, das Ruhebedürfnis der Erwachsenen und evtl. auch des Bedürfnisses nach Zweisamkeit der Eltern.

Es ist völlig natürlich und absolut sinnvoll, dass unsere Kinder bei uns schlafen möchten, auch über das Säuglingsalter hinaus. Jede Familie ist individuell und die Gründe dafür, Kinder nicht bei sich schlafen zu lassen, sind ganz unterschiedlich. In Hinblick auf die Bedürfnisse eines jeden Familienmitglieds und die evolutionsbiologischen Hintergründe sollte jede Familie prüfen, welche Konstellation des Nachtschlafs am besten für sie passt. Als Test oder von Natur aus für einen gewissen Zeitraum – denn das große nächtliche Sicherheitsbedürfnis unserer Kinder wird definitiv nicht ewig währen.

Ich wünsche Dir und Deiner Familie einen geruhsamen, sicheren und geborgenen Schlaf.

Was sind Deine Gedanken und Erfahrungen dazu? Schreib mir gerne einen Kommentar, ich freu mich darauf.

Herzlichst,

Sabine 

 

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Quellen und Buchempfehlungen:

[1] Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen, S. 131

 

Schlafen und Wachen – Ein Elternbuch für Kindernächte*

Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt.*


Baby, Säugling, Wickelkind – Eine Kulturgeschichte*

 

One comment

  1. Anna says:

    Danke für den tollen Beitrag.
    Ihr habt mich nochmal bestärkt. Ich habe zwar noch keine Kinder, habe aber gerade kürzlich eine Diskussion mit Freunden über das Thema gehabt und fühlte mich schlussendlich etwas komisch, da ich als einzige die Auffassung vertrat, dass es doch nicht schlimm ist, wenn das Kind bei den Eltern schläft. Für die nächste Diskussion habe ich mehr Argumente 😀
    Alles liebe
    Anna

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