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Die Angst vor dem Verwöhnen – warum sie so groß ist und woher sie tatsächlich kommt

Wir kennen sie alle: die Ratschläge, die wir erhalten, sobald wir zum ersten Mal Eltern geworden sind.

“Lass es schreien”

“Heb es nicht gleich hoch”

“Still nicht so oft”

“Du verwöhnst es viel zu sehr”

Gesellschaftliche Denkweisen rund um die Kinderziehung sind uns allgegenwärtig. Und sie haben alle eines gemeinsam: diese wahnsinnige Sorge vor dem Verwöhnen unserer Kinder.

Und da besteht eine seltsame Diskrepanz:

Einerseits wird in unserer Gesellschaft Wärme, Liebe und Geborgenheit für wertvoll und wichtig erachtet, aber andererseits ist es wichtig die frühe Abnabelung unserer Kinder zu fördern, uns keine Tyrannen heranzuziehen und unsere Kinder auf gar keinen Fall zu verwöhnen.

Warum denkt ein Großteil unserer Gesellschaft eigentlich so? Woher genau kommen diese Denkweisen?

Wo hat diese enorme Sorge vor dem Verwöhnen ihren Ursprung? Warum diese Ratschläge, dass wir unsere Babys schreien lassen müssen, damit sie nicht zu Tyrannen werden? Woher diese Angst davor, dass wir zu nachgiebig, zu weich, zu liebevoll mit unseren Kindern sind?

Und woran liegt es, dass gerade die ältere Generation teils vehement diese Meinung vertritt? Oder sogar wir selbst diese Meinung rund um`s Verwöhnen haben oder hatten?

Verwöhnen: die Diskrepanz zwischen Denkweisen und Instinkten

Wir sind stark geprägt von den Denkweisen unserer Gesellschaft. Wir übernehmen naturgemäß und aus einem unterbewussten Überlebensinstinkt heraus die Werte unserer Gesellschaft – die “Sippe”, in der wir aufgewachsen sind.

Diese Werte hinterfragen wir meist nicht – das ist völlig natürlich und aus ursprünglicher Sicht war das sogar lebensnotwendig für uns.

Aber: die Instinkte unserer Kinder reichen evolutionsbiologisch betrachtet noch viel weiter zurück als die meisten Denkweisen unserer heutigen Gesellschaft. Und auch unsere elterlichen Instinkte stehen oft den Vorstellungen von Erziehung entgegen.

Das merkst Du zum Beispiel, wenn Du Dein Kind bewusst im Gitterbett schreien lässt und dabei vor verschlossener Tür weinst. Dein Instinkt sagt Dir, umgehend zu Deinem Kind zu laufen, es hochzunehmen und in Deine Arme zu schließen. Die gesellschaftliche Vorstellung von Erziehung sagt Dir etwas anderes.

Was sollst Du also machen? Denn wenn Du Dein Kind allzu sehr verwöhnst, wird es zum Tyrannen werden – weißt Du von den Erziehungsansichten unserer Gesellschaft. Und das willst Du ja irgendwie auch nicht.

Sollst Du nun also auf Deinen sich regenden Instinkt hören oder die Erziehungsvorstellungen und Denkweisen, die Dich Dein Leben lang begleitet haben?

Ein Blick zurück schafft Klarheit

Lass uns einen Blick zurück werfen in die Vergangenheit unserer Gesellschaft. Denn die Geschehnisse der Vergangenheit sind grundlegend für viele der heutzutage anerkannten Erziehungsvorstellungen:

1934 erschien der vermutlich erfolgreichste Erziehungsratgeber Deutschlands mit einer Gesamtauflage von über 1,2 Millionen Exemplaren: “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” von der Lungenfachärztin Johanna Haarer. Dieser war eng an den von Adolf Hitler in “Mein Kampf” skizzierten Erziehungsvorstellungen orientiert.

Zusammen mit einer damaligen Schulung im Reichsmutter-Schulungskurs hat dieser Ratgeber fast alle Familien Deutschlands erreicht. Denn dieses Buch befand sich in leicht entschärfter Fassung bis in die 70er Jahre in fast jedem deutschen Haushalt.

Dieser Erziehungsratgeber war stark an die NS-Ideologie angelehnt und enorm richtungweisend für die Erziehung im Nationalsozialismus. Die Grundzüge des damaligen Erziehungsideales waren Zucht, Unterwerfung, Reinlichkeit, sowie Kinder- und Frauenfeindlichkeit.

In diesem Ratgeber wird sehr deutlich, wie sehr die ideologische Forderung nach Härte im Nationalsozialismus auch den Umgang mit Kindern geprägt hat. Es wird absolut klar vermittelt, dass dem Schreien und Flehen der Kinder schon ab Geburt nicht nachgegeben werden soll. Eine liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kind sollte damit verhindert werden.

Wenn das Kind schreit und auch der Schnuller keine beruhigende Wirkung hat, forderte Johanna Haarer in ihrem Ratgeber zum Beispiel:

„…dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen.” 

Das Erziehungsziel war schon bei Kleinkindern die Vorbereitung auf die Unterwerfung unter das NS-Regime, beziehungsweise die Gleichschaltung im Sinne der NS-Ideologie.

Kurz gesagt sollten Kinder auf das künftige Leben innerhalb des Regimes vorbereitet werden. Ziel war die Abhärtung von Heranwachsenden zu gefügsamen Soldaten und der Versuch, den “neuen Menschen“ im Sinne des Nationalsozialismus zu „züchten“.

Alles, was mit Zärtlichkeit, Zuneigung und Bedürfniserfüllung zu tun hatte, war laut der NS-Ideologie eine ungewollte “Verzärtelung” des Kindes.

Als die idealen Charaktereigenschaften einer Frau wurden übrigens Beharrlichkeit, Willenskraft und Unerbittlichkeit herausgehoben. Und “Frau” hieß im NS-Regime immer auch zugleich “Gebärende” oder “Mutter” – denn das waren ihre einzig erwünschten Rollen.

Und um die offensichtliche Benachteiligung der Frauen kleinzuhalten, aber vor allem auch die Gebärfreudigkeit zu steigern und aufzuzeigen, wie wichtig ihr Beitrag für das Reich war, erhielten für würdig empfundene Mütter das Mutterkreuz.

Zusammenfassend gesagt: Unsere Gesellschaft wurde aufgrund der Vorstellungen des NS-Regimes viele Jahrzehnte lang dahingehend geprägt, dass unsere Kinder nicht “verzärtelt”, also auf keinen Fall verwöhnt werden dürfen.

Mehr Bewusstsein schaffen für unser Vertrauen in unseren Instinkt

Ich finde es enorm wichtig, sich das bewusst zu machen.

Mehrere Generationen wurden vor allem von diesem Erziehungsratgeber und den damit beinhalteten Forderungen des NS-Regimes geprägt.

Und diese Prägungen sind bis heute deutlich spürbar. Unsere Großeltern und Eltern wurden davon geprägt und auch heute noch wird uns dazu geraten, unsere Kinder nicht zu verwöhnen, sie schreien zu lassen, hart zu bleiben, sie zur frühen Selbstständigkeit zu erziehen etc.

Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Menschen, die uns Erziehungsvorstellungen vergangener Zeiten kundtun, natürlich selbst geprägt worden sind von diesen Denkweisen. Und vermutlich tatsächlich der tiefsten Überzeugung sind, dass ihre Vorstellungen richtig und wichtig sind. Sie haben sie schließlich selbst bei ihren Kindern umgesetzt.

Ich finde, wir sollten bei uns selbst beginnen, denn auch wir haben aus unserer eigenen Erziehung und aus Ratgebern Prägungen erfahren dürfen, von welchen wir uns lösen dürfen.

Ich wünsche mir, dass in unserer Gesellschaft ein immer größeres Bewusstsein dafür entsteht, aus welcher Zeit große Teile unserer Erziehungsvorstellungen stammen.

Und dass auch ein Bewusstsein dafür entsteht, dass wir versuchen dürfen, uns von diesen Denkweisen der früheren Generationen zu lösen.

Dass ein Bewusstsein entsteht, dass unsere Kinder ihre natürlichen Bedürfnisse nach liebevoller Zuwendung, Sicherheit und Nähe ausdrücken und wir dabei auf unsere elterlichen Instinkte vertrauen DÜRFEN.

Denn je mehr Menschen sich dies bewusst machen und ihrem Instinkt wieder folgen, desto mehr wird auch eine Veränderung der gesellschaftlichen Ansichten von Erziehung stattfinden.

Und die Ideologie des damaligen Regimes immer weniger Auswirkungen auf die Beziehung zu unseren Kinder haben.

Warum also nicht unsere Kinder nach Herzenslust mit Liebe verwöhnen – ich finde, dem steht nichts im Wege.

Herzliche Grüsse

Sabine

 

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Buchempfehlungen und Quellenangaben*:

Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt


artgerecht – Das andere Baby-Buch

Ein interessantes Interview in der Nido zu Johanna Haarer und ihrer Rolle im NS-Regime

wikipedia – Johanna Haarer

Erziehung im Nationalsozialismus – wikipedia

wikipedia – Mutterkreuz

 

 

2 comments

  1. Carmen says:

    Liebe Sabine,
    es macht mich traurig, daß es Kinder gibt, die so groß geworden sind, wie von Dir beschrieben.
    Aber das war und ist nicht die ganze Welt. Es gab und gibt immer auch Eltern, die ihre Kinder liebevoll, gemäß ihrem Herzen aufwachsen haben lassen. Die waren nur nicht so laut. Mittlerweile hört man sie eher. So wie Dich.
    Ich möchte nicht nur das Negative der Vergangenheit sehen, sondern auch, daß es immer Eltern gab, die ihre Kinder, unabhängig der jeweils geltenden gesellschaftlichen Vorstellungen einfach geliebt haben.
    Viele Grüße, Carmen

    • Sabine says:

      Liebe Carmen,

      vielen Dank für Deine Worte, da kann ich Dir nur zustimmen.
      Ich denke, dass Eltern für ihre Kinder nur das Beste wollen – und genau da besteht gerade heutzutage oft die Diskrepanz zwischen den Ratgebern und dem ureigenen Instinkt.

      Herzliche Grüsse
      Sabine

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